2. April 2011

Zustandsbericht zum Wochenende: Tendenz unheilig bis nebulös, stellenweise Hoffnungsschimmer

Ein Kommentar von Wolfgang Rogalski, Verlagsleiter MedienHaus.Am-Finanzplatz.de

[Magazin.Am-Finanzplatz.de, 02.04.2011] Wann ist eine Situation eine Krise, wann ist sie bereits eine Katastrophe? Das hängt wohl von dem eigenen Standort und der eigenen Wahrnehmung ab. Das Desaster in Japan ist für uns in Deutschland mehrheitlich allenfalls eine Krise, weil vielleicht Geschäftsbeziehungen oder der Import von Gütern tangiert werden bzw. unser Appetit auf Sushi aus Original-Zutaten geschmälert wird. Das Aufbegehren der Völker in Nord-Afrika und in der Levante könnte unsere Urlaubsplanung stören… Und sonst? Alles in Butter auf dem Kutter? Auch wenn vom Ausguck immer wieder „Aufschwung voraus!“ verkündet wird, ist die Einschätzung der Lage in Deutschland auch von der persönlichen Verortung in dieser Gesellschaft abhängig:
Unsere „BR Teutonic“ hat schon vor Jahrzehnten den „Schuldenberg“ gerammt und dümpelt mit immer größerer Schlagseite im „Ozean des Zinswahns“ vor sich hin – in den unteren Decks steht den Menschen das Wasser längst bis zum Hals, während in der Ersten Klasse noch fröhlich gefeiert wird und hochbezahlter Dudelfunk Frohsinn verbreitet. Auf dem Oberdeck wähnt man sich noch sicher, weil um uns herum schon viele andere Schiffe mit Volldampf auf Grund gelaufen sind bzw. gerade kentern – aktuell die „Portugal“ und die „Irland“… Generös geben wir ihnen von unseren Rettungsboten und Schwimmwesten ab – denn die werden doch immer wieder nachgeliefert, oder? – und können uns als gute Menschen fühlen, die so gar nicht erst gezwungen werden, über den Kern des Problems nachzudenken. Wenn wir ehrlich sind, hat so ein Katastrophen-Opus außerhalb der eigenen Reling ja auch etwas Unterhaltsames – das Elend der Anderen, gewürzt mit klugen Ratschlägen und Schuldzuweisungen… Aber auch bei uns sprudelt es schon auf den Gängen, und damit meine ich nicht Champagner! Schuldenflut und Wut. Zeigt nicht die unerwartete Erfahrung von 1989/90, dass selbst einst als monolithisch geltende Blöcke und Überzeugungen plötzlich und unerwartet wanken und schließlich in Rekordzeit sogar verschwinden können?
Menetekel aller Orten – in der Ferne und auch in der Nähe! Nur so zur geographischen Veranschaulichung und Auffrischung des Schulwissens: Nord-Afrika liegt am südlichen Rande, die Levante quasi am östlichen am Rande Europas. Elendsgestalten riskieren täglich ihr Leben, um die Gestade Europas zu erreichen – nicht wenige verlieren es. In Dekadenz erstarrte Großreiche versuchen sich mit Macht abzuschotten, bauen Sperrwerke gegen anströmende Elendsflüchtlinge, sind zu träge zum proaktiven Handeln, ignorieren die Situation und die Widersprüche des eigenen Tuns und Unterlassens im Inneren wie in der Außenwirkung. Wer jetzt nicht die Krisenindikatoren als warnendes Zeichen an der Wand erkennt, handelt unverantwortlich – vor allem gegenüber der Generation unserer Kinder und ihrer Nachkommen! Wir haben zu ihren Lasten über Jahrzehnte des vergötzten Wirtschaftswunders und immerwährenden Wachstums Konsum auf Kredit finanziert – dabei aber die Möglichkeiten, auf ehrliche Art und Weise den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, immer weiter eingeschränkt. Gefälligkeitsnetzwerke haben sich unseres Landes bemächtigt – noch kann das mit „Brot und Spielen“ beschönigt werden, preist man „Otto Normalverbraucher“ und insbesondere der Jugend zweifelhafte „Promis“ als Vorbilder an. In Zeiten, in denen Banken als „systemrelevant“ gelten und dafür Milliarden Euro keine Rolle spielen, Investitionen in die Zukunft unserer Kinder aber als lästig gelten, ist es keine Frage mehr, ob, sondern nur noch wann der „Wind of Change“ auch bei uns mit Macht stürmen und zu ungeahnten Veränderungen führen wird!
Fordere ich etwa die Revolution? Nein, niemals, zu keiner Zeit – eine Revolution frisst ihre eigenen Kinder! Bald nach dem ersten Siegesrausch einer gewaltsamen Revolution werden die Inkompetenz und zerstörerische Wut des mit Recht geschmähten Vorgängerregimes noch übertrumpft, herrschen Terror und Irrsinn, die nicht selten Sehnsucht nach dem gestürzten Regime wecken… Wer einen solchen weiteren Irrweg in unserer Geschichte vermeiden will, muss heute handeln, besser wäre noch gestern, denn morgen könnte es zu spät sein! Wir müssen rechtzeitig mit Verstand und Anstand der Evolution eine Chance einzuräumen – und das ist mitnichten die Samtpfötchenvariante des politischen Wandels!
Also, zum Mitschreiben: Alle politischen Ansätze, die Menschen die Würde, die Gesundheit, die Heimat oder das Leben nahmen, und leider viel zu spät auf dem „Müllhaufen der Geschichte“ gelandet sind, die sind und bleiben gefährlicher Sondermüll! Auch das sei deutlich gemacht: Das wiedervereinigte Deutschland ist mit all seinen Schwächen und Problemen noch immer das bisher beste deutsche Gemeinwesen in der Geschichte! Um aber zu verhindern, dass es ein Schicksal im Stile einer „DDR 2.0“ erleidet, muss sofort gehandelt werden, muss über nachhaltige Alternativen zum bestehenden wirtschaftspolitischen System nachgedacht werden – ohne Rückgriff auf den besagten „Müllhaufen der Geschichte“!
Wenn Sie jetzt sagen, der Rogalski habe ja sicher irgendwo Recht, aber Stammtischreden würden ja doch nichts ändern, dann stell ich mal schnell mein Weinglas ab, um Sie mit meinen beiden Händen sanft zu schütteln und aufzurütteln – mir geht es nicht um akademische Selbstbefriedigung oder das übliche Wahlkampf-Geplapper… Es gibt um innovative Ansätze, unseren Staat rechtzeitig und nachhaltig zu reformieren – es gibt hierzu das Bandbreitenmodell!
Dieses sieht eine radikale Steuervereinfachung vor – es soll demnach nur noch eine Umsatzsteuer geben, die sich nach der Anzahl der Angestellten in einem Betrieb richtet. Die wertschöpfenden Unternehmer werden dabei als staatstragend in die Pflicht genommen, erhalten aber auch eine einfache Möglichkeit, Umsatz- und Profitstreben mit sozialem Handeln zu vereinen. Kurz gesagt, wird die Anzahl der registrierten Lohnempfänger je Umsatzmillion den Umsatzsteuersatz für das jeweilige Unternehmen bestimmen. Kleinstbetriebe genießen einen Steuervorteil, den Konzerne erst durch vermehrte Einstellungen erreichen können.
Auch Studenten, Hausfrauen oder Rentner kommen mit auf die Lohnlisten der Betriebe – die Finanzierung des Studiums, der Kinderzeit oder des ehrenamtlichen Engagements im Ruhestand würden direkt über die Unternehmen erfolgen, weil sie eben darüber einen reduzierten Umsatzsteuersatz erzielen könnten. Schluss mit BAföG, Elterngeld und Rente! Übrigens auch mit Arbeitslosengeld – die bisher HARTZ-IV-/ALG-Stigmatisierten bekämen die Möglichkeit, sich fortzubilden, gemeinnützigen Tätigkeiten nachzugehen oder sich selbständig zu machen, ohne tagtäglich Existenzängste ausstehen zu müssen. Schluss auch mit sämtlichen Subventionen, mit Leistungserschleichung und Antragsirrsinn! Hohe Dynamik in einer wertschöpfenden stabilen Gesellschaft mit Chanen und Pflichten für alle – dieser Traum kann wahr werden! Unternehmen aller Größenordnungen hätten Chancengleichheit am Markt. Die Finanzierung aller sozialen Belange würde direkt durch die Wertschöpfungskraft des Landes realisiert werden, statt durch zinslastige Kredite.
Immer mehr nachdenklichen Bürgern in Deutschland wird klar, dass unser bisheriges Wirtschaftssystem mit ständigem Wachstum und fatalen Zinseszins-Effekten in Zerstörung enden muss. Es ist höchste Zeit, abseits aller ideologischen Scheuklappen und ohne Rückgriff auf gescheiterte Modelle nach innovativen, nachhaltigen Ansätzen zu suchen!

Weitere Informationen zum Thema:

Das Bandbreitenmodell
Einfach nur die Perspektive wechseln…

Bochumer Zeitung, 02.04.2011
Auf neuen Wegen: Wolfgang Rolgalski, Neugründer der ddp

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