23. November 2009

Systemkrise: Auf der Suche nach dem Neuen Kapitalismus

Der Schweizer Publizist Roger de Weck auf der Suche nach Alternativen zum gegenwärtigen maroden Wirtschaftssystem

Roger de Weck, ehemaliger Chefredakteur der ZEIT, sei heute ein europaweit gehörter Autor und Sozialwissenschaftler. Der Schweizer habe nun ein Buch über den Kapitalismus geschrieben, dessen Inhalt Oskar Lafontaine unterschreiben könnte, berichtete die ZEIT ONLINE am 23.11.2009:
Tatsächlich wolle der bekennende Liberale den Kapitalismus retten. Bloß reichten dazu keine Reformen im System, denn das System selbst sei marode, erkläre de Weck – und die große Finanzkrise sei der Auslöser, um nach einem “anderen Kapitalismus” zu suchen.

“Nach der Krise” von Roger de Weck
Nagel & Kimche Verlag, Zürich 2009; 112 S., 12,90 €

Das heutige Wirtschaftssystem werde demnach vom Marktglauben regiert – die herrschende “Religion” setze auf die Gier und Konfliktbereitschaft, die negativen Eigenschaften des Menschen. Deregulierung werde zum Selbstzweck, der Staat sei per se des Teufels. Die sogenannten Wirtschaftseliten bereicherten sich, und wenn ihr gefährliches Spiel auffliege, riefen sie nach ebendiesem Staat, der ihnen dann mit seinem letzten Gelde helfen solle.
Es sei die “Religion” der Quartalsberichte und überhöhten Boni, der Aktienspekulation und des frei laufenden Kapitals, die de Weck beschreibe. Es sei eine Marktwirtschaft, die alles für das Kapital tue und nichts für die Arbeit, in der die Staaten den Vermögenden im Steuersenkungswettlauf entgegenkämen und den kleinen Leuten die Lasten aufbürdeten.
Und es sei ein Kapitalismus, der nicht mehr frage, wofür er eigentlich da sei – außer zur Selbstbedienung der Führungskräfte.
Das “andere” System müsste allen ein langes und menschenwürdiges Leben ermöglichen, erkläre der Autor mit den Worten des Harvard-Philosophen und Ökonomen Amartya Sen. Es wäre ein System, in dem neben Kapital und Arbeit auch der Staat als Produktionsfaktor ernst genommen würde – schließlich entscheide seine Qualität im heutigen Mischsystem maßgeblich über den Wohlstand mit.
Also mache sich de Weck auf die Suche, und das vor allem in der Vergangenheit. Er zeige, wie mit der berechtigten Kritik am staatlichen Intervenieren auch das Regulieren unter die Räder gekommen sei. Doch Regulieren sei nichts Anderes, als dem Markt die notwendige Ordnung zu geben, mithin im Sinne einer stabilen Wohlstandswirtschaft. Stattdessen sei aber erst dereguliert und dann in der großen Finanzkrise so massiv interveniert worden wie kaum je zuvor. Das gelte es künftig grundlegend zu ändern – regulieren, um das Intervenieren zu vermeiden.
Roger de Wecks Argumente träfen den Kapitalismus schmerzhaft. Der Autor verlange einen anderen Eigentumsbegriff, der deutlich mehr zum Gemeinwohl verpflichte als heute. Er wolle einen Kapitalismus im Einklang mit der Umwelt, der nicht auf Wachstum fixiert sei, sondern auf nachhaltige Lebensqualität. Dazu holt er Konzepte hervor, die das Miteigentum der Arbeiter am Kapital vorsähen ebenso wie sonstige weitgehende Mitspracherechte aller in der Wirtschaft – eine Art direkte Demokratie des Kapitalismus. Das Buch gehe alternative Geldkonzepte durch, die die Kredit- und Spekulationsmaschine der Banken erheblich drosseln würden. Vor allem aber verlange es die Wiederkehr des moralischen Empfindens in die Wirtschaft, die das Soziale und Ökologische ebenso betonen solle wie den Markt.

Quelle: ZEIT ONLINE, 23.11.2009
Originalartikel unter: Sachbuch / Wie der Kapitalismus zu retten wäre

Weitere Informationen zum Thema:

KÖRBER-STIFTUNG
Roger de Weck

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Disharmonie der gesellschaftlichen Belohnungssysteme schafft Konflikte / Die Antworten auf die Frage, wer durch wen womit wofür belohnt wird, brauchen konstruktive Perspektiven

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Magazin.Am-Finanzplatz.de, 08.11.2009
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Auch der Kapitalismus braucht ein Ordnungsprinzip – das der Klugheit / 13 Thesen des Jesuitenpaters Christoph Wrembek

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1 Kommentar »

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