30. September 2010

Professor Dr. Wilhelm Hankel: Plädoyer für ein Bretton Woods II

Votum für die Wiedereinrichtung eines „monetären Völkerrechts“

[Magazin.Am-Finanzplatz.de, 28.09.2010] Für das Magazin am Finanzplatz Deutschland sprach Dirk Pinnow mit Professor Dr. Wilhelm Hankel kurz nach der „Euro-Aktionskonferenz“ vom 25. September 2010:

1. Euro-Aktionskonferenz“ in Berlin

Nach eigenen Angaben von Jürgen Elsässers „Volksinitiative“ haben sich zu der Veranstaltung „Der Euro vor dem Zusammenbruch – Wege aus der Gefahr“ 670 Besucher eingefunden, um die Ausführungen der Referenten Hankel, Schachtschneider, Farage, Otte, Mross, Most, Eichelburg, Hamer, Blessing und Clauss zum Thema Euro zu verfolgen und mitzudiskutieren. Nach seiner Einschätzung zu dieser Konferenz befragt, zeigte sich Professor Hankel selbst „ermutigt“ – diese Veranstaltung sei ein „erster Schritt in die richtige Richtung“. Angesprochen auf sein Interview „Euro is nonsense, Greek bailout illegal“ mit dem Fernsehsender „RussiaToday“ (RT) und die offenkundige Ignoranz deutscher Medien, kritisierte er scharf den weitgehenden „Niedergang“ der Berichterstattung, die den Eindruck einer „Gleichschaltung“ zur Verbreitung von „Regierungspropaganda“ erwecke; er entdecke in diesem Verhalten „Unkultur“.

Professor Hankels Selbstverständnis

Gefragt, ob er sich nicht manchmal als eine Art „Don Quijote“ im Kampf gegen „Windmühlen“ fühle, entgegnete er mit einem entschiedenen „Durchaus!“ – und erläuterte seine Interpretation dieser Symbolfigur, die für ihn einen um die „wahren sittlichen Werte“ ringenden „edlen Ritter“ darstelle. Überraschend seine Schlussfolgerung: Dieses Beispiel fordere auf, sich niemals entmutigen zu lassen und im Kontext einer langfristigen Perspektive auch gegen unüberwindlich anmutende Hindernisse zu streiten!

Von der Euro-Krise zur Euro-Katastrophe

Hinsichtlich einer zeitlichen Fixierung des Übergangs von der Euro-Krise zu einer -Katastrophe wollte er sich nicht festlegen – dies verbiete sich für einen seriösen Ökonomen. Es gelte hierbei aber das altbekannte sprichwörtliche Prinzip „Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht“. Dass es keine Frage des Ob, sondern nur noch des Wann sei, könne man schon aus dem Werk „Macht oder ökonomisches Gesetz?“ von Eugen Böhm von Bawerk aus dem Jahr 1914 ableiten – demnach sei es bisher keiner politischen Macht geglückt, dauerhaft gegen ökonomische Grundsätze zu verstoßen.
Es gebe auch ein passendes Lenin-Zitat: „Wer die bürgerliche Gesellschaft zerstören will, muss ihr Geldwesen ruinieren.“ 1922 habe Lenin nur noch nicht gewusst, wie. Inzwischen wüssten wir es – entweder durch grenzenlose Freiheit für die Finanzwelt und ihre Praktiken oder durch eine Währungsunion, wie die des Euros. Diese sei ja eigentlich ein „Währungskonkubinat“, denn 16 Nationen teilten sich eine Währung. Beides zusammen garantiere den „Erfolg“, ganz im Sinne Lenins – daher hätten wir heute die globale Finanzkrise, verstärkt durch die europäische des Euros.
In den Rettungsfonds sehe er im Prinzip eine „Konkursverschleppung“. Das Problem mit den PIIGS-Staaten beschränke sich nicht allein auf die bekannten öffentlichen Schulden der einzelnen Länder – das wachsende Misstrauen in den Euro, global und national, verschärfe die Situation, denn die bisher in Euro vorliegenden Ersparnisse träten gewissermaßen die Währungsflucht an. Gelinge es nicht, diese Ersparnisse in Euro zu stabilisieren, hätten wir die Brisanz eines „Feuerwehreinsatzes ohne Löschwasser“.

Pessimistische Beurteilung des Projektes „EU“

Auf der Aktionskonferenz habe Nigel Farage in Bezug auf die Europäische Union gar von der schlimmsten Entfernung von der Demokratie seit 200 Jahren gesprochen… Er selbst kritisiere die fehlende demokratische Legitimation und Kontrolle der EU-Bürokratie; „Ja-Sager“ träten nach vorne und die drei in einer wahren Demokratie getrennten Gewalten würden immer mehr verschwimmen. Habe das Euro-Projekt der europäischen Integration und Kooperation ursprünglich mehr „Dynamik“verleihen sollen, erweise es sich nunmehr sprichwörtlich als „Dynamit“, denn es trenne die Völker, könne sie im Extremfall sogar gegeneinander aufbringen! Dass einige Kritiker in der heutigen real existierenden EU eine Art „EUdSSR“ sehen, rühre aus dieser tragischen Erkenntnis – und in der Tat habe sich in Brüssel quasi ein „Politbüro“ etabliert, welches einem erschreckenden Machtwahn verfallen sei.

Deutschland und die D-Mark

Professor Hankel bezeichnete die D-Mark als die „beste Währung der Geschichte“ – diese habe der damaligen Bundesrepublik den Rang der stärksten Volkswirtschaft in Europa verschafft. Durch den starken Aufwertungsdruck auf die D-Mark, habe sie sich diese zum „Kapitalmagneten“ entwickelt. So sei West-Deutschland zur „Wachstums-Lokomotive“ geworden. Die durch den Euro bedingte Gleichmacherei des Zinsniveaus führe zu „falschen Geldpreisen“ und generiere somit sowohl Gewinner wie Verlierer – jeweils aber „auf der falschen Seite“. Deutschland habe dabei klar verloren.

Der Wohl- und Mittelstand in Deutschland

Trotz seiner tragenden Rolle für den Wohlstand in Deutschland würden dem von Familienunternehmen geprägten Mittelstand bei der Kapitalbeschaffung im Vergleich zu Aktiengesellschaften 200 bis 300 Prozent mehr Kosten aufgebürdet. Der Politik oblige die dringende Aufgabe, auch die sogenannten kleinen und mittleren Unternehmen „kapitalmarktfähig“ zu machen, damit diese besser durch ihre Wertschöpfung der besonderen Rolle als Garanten des Wohlstands in Deutschlands gerecht werden könnten.
In diesem Zusammenhang müsse man übrigens auch die Vorteile des vielfach geschmähten fiat money erkennen – die großen Sprünge in der Technologieentwicklung seien darüber finanziert worden, erläuterte Professor Hankel. Im Vergleich zum 19. Jahrhundert bestehe heute ein ca. 1.000 bis 2.000 Prozent höherer Finanzierungsbedarf – was ein Goldstandard nicht leisten könne; der weltweite Bestand an Gold reiche schlicht dafür nicht aus. Um den erkennbaren Nachteilen des gegenwärtigen Schuldgeldsystems zu begegnen, müsse man die Geldmenge wie auch die Banken kontrollieren und das Kreditwesengesetz (KWG) – seiner Meinung nach ein sehr gutes Gesetz – einfach konsequent anwenden! Natürlich funktioniere das KWG nur im nationalen Kontext, nicht aber im Rahmen einer Währungsunion.

Plädoyer für ein „Bretton Woods II“

Er plädiere für ein modifiziertes Bretton-Woods-System, also für ein „System fester Wechselkurse“, für die Wiedereinrichtung eines „monetären Völkerrechts“! Im Unterschied zum alten Bretton-Woods-System gehe es nicht um nominal starre, sondern real stabile Wechselkurse – inflationsbereinigte. Wer mehr Inflation hat als andere, was sich vermutlich nie ganz verhindern lasse, müsse abwerten, um die anderen nicht anzustecken. Außerdem müsse der US-Dollar als Leitwährung durch die staatsneutralen und abwertungssicheren Sonderziehungsrechte (SZR) des IWF ersetzt werden. Mit einem solchen neuen System von Bretton Woods hätten wir ein besseres Weltwährungssystem als mit dem Goldstandard des 19.Jahrhunderts.
Ein solches System müsse natürlich auch den unterschiedlichen nationalen Traumata – wie der Großen Depression in den USA oder der Hyperinflation in Deutschland – glaubhaft begegnen können.
Reale Wechselkurs-Stabilisierung bedeute aber auch eine Abkehr von der bisher üblichen Marktverzerrung. Die Ausstattung Griechenlands mit immer neuen Krediten zeige den „eingebauten Wahnsinn“ des Euro-Projektes, nämlich unterschiedlich solvente Länder auf eine Stufe zu stellen – und statt eines vom Markt gesteuerten Zinssatzes für die Aufnahme neuen Geldes von vielleicht zwölf Prozent über die „Rettungsschirme“ den Zinssatz zu fünf Prozent festzulegen. Damit sei jeglicher notwendiger Zinswettbewerb ausgehebelt worden!

Geopolitische Aspekte

Auf die Frage einer möglichen Konfrontation zwischen China und den USA antwortete Professor Hankel mit dem Bild der Kommunizierenden Röhren – im Zuge der Modernisierung habe China seinen Exportsektor so ausgebaut, dass sich eine hohe Abhängigkeit vom US-Markt eingestellt habe; umgekehrt seien die deindustrialisierten USA von den Billigimporten aus China abhängig geworden.
Die chinesische Rohstoff-Offensive aber, die insbesondere auf Afrika, aber eben auch auf Asien ziele, um sich von der Faktorierung in US-Dollars zu lösen, könnte eher zu einer Verschärfung der chinesisch-russischen Beziehungen führen. Auch das sich im Aufbruch befindliche Selbstbewusstein der islamischen Völker Sibiriens – wie übrigens auch im Nord-Westen Chinas – berge Konfrontationspotenzial zwischen diesen beiden Großmächten.

Was „Otto Normalverbraucher“ übrig bleibt

Mit der Antwort auf die Frage, was der berühmt-berüchtigte „Otto Normalverbraucher“ angesichts der im Laufe dieses Gesprächs angerissenen Erkenntnisse überhaupt machen könne, schloss sich der Kreis zu der Symbolfigur des „Don Quijote“: Professor Hankel empfahl, sich für die Abschaffung des Finanzmarktstabilisierungsfonds (SoFFin) zu engagieren… Eine Bankenpleite könne heilsam sein – dabei gelte es wohl, Opfer im Sinne natürlicher Personen zu schützen, institutionelle Anleger aber auf die Konkursmasse zu verweisen. Der volkswirtschaftliche Schaden könnte so rund auf die Hälfte reduziert werden, und zudem hätte ein solcher Konkurs auch eine abschreckende Wirkung. Generell müsse in einem marktwirtschaftlichen System das „scharfe Schwert des Konkursrichters“ walten können!
Die Bürger seien aufgerufen, sich auf das im Grundgesetz-Artikel 20, Absatz 4, verankerte Widerstandsrecht zu besinnen und sich aktiv gegen die schleichende Zerstörung des demokratischen und sozialen Staates zu wehren – dies könne etwa durch Aktionen, wie die Euro-Konferenz am 25. September 2010, durch Demonstrationen oder auch Bildung neuer politischer Parteien geschehen. Dazu gehöre – unter Bezugnahme auf Artikel 20, Absatz 2 – auch der Kampf für mehr Plebiszite, im Idealfall für eine direkte Demokratie. Es lohne schon, sich die Schweiz als ein Beispiel anzusehen.
Der Staat möge sich auf ein grundlegend stabilisierendes Wirken auf den Gebieten Soziales, Recht und Währung konzentrieren, also einen Kontrollrahmen und Richtlinien für die Marktprozesse etablieren, und nur „homöopathisch“ intervenieren.

Professor Hankels Schlusswort: Grundsätzlich seien „Werte wichtiger als eine Währung!“ Dirk Pinnow dankte namens des Magazins am Finanzplatz Deutschland für das sehr ausführliche und inspirierende Gespräch.

© Prof. Dr. Wilhelm Hankel

© Prof. Dr. Wilhelm Hankel

Gegen alle Hindernisse für „wahre sittliche Werte“ streiten

Weitere Informationen zum Thema:

RussiaToday, 26.09.2010
‚Euro is nonsense, Greek bailout illegal‘ (YouTube-Video: Professor Hankel im RT-Interview)

Professor Dr. Wilhelm Hankel
Die Krisenlüge und andere volkswirtschaftliche Märchen

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Prof. Dr. Wilhelm Hankel

Magazin.Am-Finanzplatz.de, 26.09.2010
Von den Medien weitgehend unbeachtet: Euro-Aktionskonferenz in Berlin am 25. September 2010 / Vortragsveranstaltung mit Wirtschafts- und Währungsexperten in einer Industrieruine

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3 Comments »

  1. […] Ausführlichere Antworten und Ansichten von Professor Hankel gibt es hier. […]

    Pingback by Euro-Katastrophe eine Frage der Zeit - BürgerClub-Magazin — 30. September 2010 @ 13:07

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    Pingback by Prof. Dr. Wilhelm Hankel: Euro-Rettung unter dem Verdacht des Verfassungsbruchs | Magazin.Am-Finanzplatz.de - Nachrichten und Gedanken über den Finanzplatz Deutschland — 15. Juli 2011 @ 15:22

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