4. Februar 2010

Mit Hilfe der Neuen Medien den Qualitäts-Journalismus des 21. Jahrhunderts etablieren

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Wolfgang Rogalski und Hans-Herbert Holzamer im Gespräch über die 29. Sylter Runde

[Magazin.am-finanzplatz.de, 04.02.2010] Verlagsleiter Wolfgang Rogalski (W.R.) hat für das „Medienhaus am Finanzplatz Deutschland“ selbst an der jüngsten ‘Sylter Runde’ teilgenommen. Für das „Magazin am Finanzplatz“ Deutschland lässt er im Gespräch mit Hans-Herbert Holzamer, Inhaber von ‘Holzamer-Medien’ in Gräfelfing, die erstaunlichen Ergebnisse der Tagung Revue passieren:

W.R.: Die „Sylter Runde“ hat nun bereits ihr 29. Memorandum vorgelegt. Was hat die Öffentlichkeit davon eigentlich konkret zu erwarten?

© Holzamer-Medien

© Holzamer-Medien

Hans-Herbert Holzamer

Holzamer: Wenn wir sehr konkret werden wollen, müsste ich es jetzt an dieser Stelle Wort für Wort vorlesen und erläutern!

W.R.: Nein, Nein, das brauchen Sie nun nicht! Wir publizieren es als Anhang zu unserem Gespräch. Aber welchen wesentlichen Inhalt würden Sie unseren Lesern ans Herz legen wollen?

Holzamer: Wir haben uns in einem Kreis von ausgewiesenen Experten unter der Ägide von Professor Norbert Szyperski mit den Auswirkungen moderner Internet-Technologie auf den Journalismus befasst. Die Eingangs-These, der Journalismus werde „kaputt gewittert“ ist zugegeben etwas provokant formuliert, hat aber der Veranstaltung den zündenden Impuls gegeben.

W.R.: Ist der Journalismus denn so anfällig, dass man ihm mit twitter Schaden zufügen könnte?

Holzamer: Sie wissen selbst um die Dramatik der gegenwärtigen Situation traditioneller Medien in Deutschland im Kontext der Finanz-, Wirtschafts- und Systemkrise – da brauchen wir uns wahrlich nicht zu streiten. Ganz unverblümt: Geschäftsmodelle, die alleine darauf basieren, dass man versucht, wie auch immer, mit langer Gabel nach den Anzeigenmärkten zu greifen, sich aber gleichzeitig als ‘Wahrer der Meinungsfreiheit’ feiern zu lassen, haben ihre Überzeugungskraft definitiv eingebüßt! Und das nicht einmal primär wegen des Internets – das Internet hat nur den Wettbewerb verstärkt, Systemschwächen hervorgehoben und die Sicht auf grundsätzliche Fragen verschärft.

© MedienHaus.Am-Finanzplatz.de

© MedienHaus.Am-Finanzplatz.de

Verlagsleiter Wolfgang Rogalski

W.R.: Welche sind das Ihrer Meinung und Erfahrung nach?

Holzamer: Was ist genau ist ‘Information’? Wer kann sie authentisch, schnell und fundiert liefern?

W.R.: Das ist wohl das Internet mit den begeisterten ‘Twitterern’ und Handy-Filmern nun mal den etablierten Medien überlegen?

Holzamer: Nicht ganz so schnell, bitte! Ja, sie haben technisch gesehen schon Recht – wie etwa, um nur ein Beispiel zu nennen, die Iran-Berichterstattung im Umfeld der dortigen Präsidentschaftswahlen ja gezeigt hat.
Aber es wäre verfehlt, wenn Sie daraus einen Antagonismus zwischen modernen und etablierten Medien herstellen wollten. Es geht nicht um eine Absage an das Internet, es geht auch nicht um eine Frontstellung zwischen ‘online’ und ‘traditionell’! Das, genau das haben wir gemeinsam im aktuellen ‘Sylter Memorandum’ verankert.

W.R.: Ich muss Sie an dieser Stelle schon ein bisschen ‘kitzeln’ – sonst   erfahren unsere Leser ja gar nicht, was dieses Treffen im Kern gebracht hat. Also: Worum geht es eigentlich?

Holzamer: Es geht exakt darum, mit Hilfe des Internets den Journalismus zu stärken, seine Qualität zu heben und auf hohem, wenn nicht gar höchstem Niveau zu halten! Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger!

W.R.: Damit stellen Sie ja die Aussage in der Themenstellung auf den Kopf?

Holzamer: Sagen wir es mal so: Die ‘Sylter Runde’ gibt als klare Antwort auf die gestellte Frage, ob der Journalismus ‘kaputtgewittert’ werde, die Antwort, dass dies nicht der Fall sei – jedenfalls nicht zwangsläufig.

W.R.: Also ein Nein, aber mit gewissen Einschränkungen?

Holzamer: Ein Nein unter Vorbehalt.

W.R.: Welchem?

Holzamer: Wir müssen das Inhaltliche von den Geschäftsmodellen trennen…

W.R.: Bitte nur keine Vorlesung!

Antwort: Keine Sorge! Anzeigenbasierte Geschäftsmodelle der etablierten, d.h. traditionellen Medien werden heute durch attraktivere Konzepte, den gewünschten Kunden im Netz zu erreichen, in Frage gestellt. Die Verlage versuchen, ihre dadurch entstandenen Probleme durch Personalreduktion zu lösen.

W.R.: Die Journalisten zahlen also die Zeche?

Holzamer: Pauschal gesagt: Ja! Und darum hat die ‘Sylter Runde’ auch den Journalisten konsequent in den Mittelpunkt der Überlegungen gestellt. Wir wollen ihn stärken – ihn zu einem Partner der Verlage auf Augenhöhe machen.

W.R.: Wie soll das gehen?

Holzamer: Wir wollen ihn fit für das Internet, für die Neuen Medien machen, damit er das leisten kann, was weder von ‘twitter’ noch von YouTube allein geleistet werden kann.

W.R.: Und das wäre?

Holzamer: Wir haben es dem Memorandum voran gestellt. Das Erste, das bei einer Überschwemmung knapp wird, ist das Trinkwasser. Die sprichwörtliche ‘Überschwemmung’ sind die Informationen; der Journalist macht daraus ‘Trinkwasser’, in dem er auswählt, sortiert, zuordnet. Seine Aufgabe ist komplexer geworden, aber er kann das lernen und sich behaupten. Der organisierte, freie Journalist bietet seine Beiträge an zu Konditionen, die er festsetzt.

W.R.: Das soll gehen?

Holzamer: Ja, einige sind schon in dieser Richtung unterwegs. Deswegen hängen die inhaltliche und geschäftliche Antwort zusammen. Norbert Szyperski, der Doyen der Gründungswissenschaft in Deutschland, hat diesen Zusammenhang auf Sylt klar herausgestellt. Es geht nicht darum, mit schmeichlerischen Artikeln den letzten Anzeigenkunden im Printbereich hinterherzulaufen, sondern selbstbewusst seine Chance und seinen Platz in der neuen Medienwelt zu finden.
Es geht dann im Internet um Beiträge, die nicht geschenkt werden, sondern ihren Wert und damit ihren Preis haben.

W.R.: Für unsere Leser: Was war Ihre Rolle bei den ‘Sylter Gesprächen’?

Holzamer: Ich war einer der beteiligten Experten. Es waren Juristen, Unternehmensberater, Verleger, Agenturen und eben Journalisten vertreten.

W.R.: Welche Expertise haben Sie beigesteuert?

Holzamer: Mehr als 30 Jahre Journalismus, bei dem Bonner Generalanzeiger, der WELT, der Süddeutschen und bei den Kompetenznetzen.
Ein Großteil dieser Zeit war ich mit Sonderthemen befasst – von den Immobilien über die Bildung bis zum Ausland und zu Reisen. Die Schnittstelle zwischen Journalismus und wirtschaftlicher Wohlfahrt der Verlage hat kaum einer so intensiv erlebt wie ich.

W.R.: Mit welchem Ergebnis?

Holzamer: Dass es ein ‘hartes Brot’ ist, die Verlage davon zu überzeugen, dass guter Journalismus nicht nur für den Leser sondern auch für den Anzeigenkunden die beste berufliche Leistung des Redakteurs ist!

W.R.: Wie sehen Sie den Journalismus der Zukunft?

Holzamer: Er muss sich täglich neu behaupten zwischen unbezahltem ‘Bloggen’, ‘Twittern’, schlechtbezahlten Texten, vielleicht profitablen Buchverträgen und teuren Magazinkolumnen.

W.R.: Ist der Printbereich auf dem sterbenden Ast?

Holzamer: Nein, es wird sich nur von der Anzeigenabhängigkeit lösen müssen. Noch macht die Huffington Post nicht viel mehr als zehn Millionen Dollar im Jahr, die New York Times 1,1 Milliarden. ‘Print’ wird sich Nischen suchen, wo das Internet nicht hinkommt, und es wird Kooperationen eingehen, welche das Beste beider Welten zum Tragen bringen. Das ’29. Sylter Memorandum’ ist ein Schritt dahin.

Weitere Informationen zum Thema:

29. Sylter Runde
Sylter-Runde_29_Memo
(pdf)

Prof. Dr. Dr. h.c. Norbert Szyperski
„SYLTER RUNDE – individuelle Gesprächskreise“

Magazin.am-finanzplatz.de, 25.09.2009
Bei den Scientific Entrepreneurs liegt der Fokus auf dem
unternehmerischen Nachwuchs / GTIV-Präsident Dirk Pinnow im Gespräch mit Dr. Dr. h.c. Norbert Szyperski über Scientific Entrepreneurship

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1 Kommentar »

  1. [...] Magazin.Am-Finanzplatz.de, 04.02.2010 Mit Hilfe der Neuen Medien den Qualitäts-Journalismus des 21. Jahrhunderts etablieren / Wolfga… [...]

    Pingback by Sylter Neun: Genossenschaftsgründung zur Förderung des Qualitätsjournalismus - Magazin.am-finanzplatz.de - Nachrichten und Gedanken über den Finanzplatz Deutschland — 25. März 2010 @ 20:57

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