26. Januar 2010

Maritime Dimensionen der Sicherheit und Risiken für die deutsche Volkswirtschaft

Krisenprävention und -bewältigung vor Ort zur Vermeidung des Exports von Konflikten

[Magazin.am-finanzplatz.de, 25.01.2010] Verlagsleiter Wolfgang Rogalski (W.R.) für das Magazin am Finanzplatz Deutschland im Gespräch mit Vizeadmiral Wolfgang Nolting über die Globalisierung und ihre Auswirkungen auf Politik, Wirtschaft und Kultur:

W.R.: Herr Admiral, wie stehen Sie zum Schlagwort ‚Globalisierung‘ – eher Chance, eher Risiko oder etwas von beidem?

Nolting: Jede aktuelle wie zukünftige sicherheitspolitische und wirtschaftspolitische Herausforderung Deutschlands ist im Kontext der sogenannten ‚Globalisierung‘ zu sehen. Eine wesentliche Erfahrung zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist ja die enge Nachbarschaft fast aller Nationen, die durch rasch wachsende Ströme von Menschen, Wissen, Bildern, Waren und Geld verbunden werden, wie es  Bundespräsident Horst Köhler einmal so treffend charakterisiert hat. Daraus ergeben sich Folgen sowohl für die Bundeswehr als auch insbesondere für die Finanz- und Wirtschaftsbranche.
Die Vernetzung der heutigen Welt, auf dem Gebiet der Wissenschaft, der Wirtschaft – und leider auch der Kriminalität – geht mit enormem Tempo voran. Die revolutionäre Entwicklung der Kommunikationstechnologie und der praktisch ungehinderte Fluss von Wissen und Informationen haben unmittelbaren Einfluss auf das soziale, politische, wirtschaftliche und Sicherheitsgefüge unseres Landes. Moderne Technik ermöglicht die globale Arbeitsteilung, bei der die schöpferische intellektuelle Leistung an einem Ort mit der preisgünstigen materiellen Realisierung an einem anderen Ort verknüpft wird. Weltweite Kooperation wie auch Konkurrenz, faktisch in jeder Form und Leistung, bestimmen unser modernes Leben.

W.R.: Kooperation – s. Airbus – einerseits und Konkurrenz – s. Automobilindustrie – andererseits bestimmen also die ‚Globalisierung‘ aus deutscher Sicht.

Nolting: Dieser Ambivalenz müssen wir uns stellen! Ob direkt oder indirekt – die boomende Entwicklung asiatischer Märkte ist der Motor, der auch im Herzen Europas wirtschaftlichen Schwung erst möglich macht. Kommunikations- und Warenströme sind die ‚Transmissionsriemen‘, die uns die Teilnahme an dieser Entwicklung erlauben. ‚Globalisierung‘ geht aber auch zunehmend einher mit der Konfrontation von unterschiedlichen Wertevorstellungen und ist somit oftmals auch Auslöser für Unverständnis zwischen Handels- und Bündnispartnern und daraus resultierenden neuen, bis dato unbekannten, Spannungen und Konflikten.
Geographisch weit entfernte Vorgänge nehmen plötzlich direkten Einfluss  auf die Sicherheit oder Wohlfahrt unseres Landes und seiner Bürger. Der wirtschaftliche und intellektuelle Fortschritt beinhaltet eben leider auch die unbeabsichtigte ‚Globalisierung‘ von Risiken. Zu nennen ist hier ein starker Anstieg des Rohstoff- und Warenverkehrs. Als dem leistungsfähigsten Transportweg kommt dabei der See eine stetig steigende Bedeutung zu. Terrorismus, Proliferation von Waffen sowie die Organisierte Kriminalität – einschließlich der Piraterie – sind nur einige der Bedrohungen, die uns derzeit bewegen und die die Ausrichtung unserer Sicherheitspolitik bestimmen; dazu ist ein ressortübergreifender und international abgestimmter Lösungsansatz notwendig!
Auch die zeitgeschichtliche Dimension der Bildung neuer und des Zerfalls alter Machtzentren ist zu beachten, denn den daraus resultierenden  Konfliktpotenzialen, bis hin zu deren möglicher Entladung in bewaffneten Auseinandersetzungen, muss angemessen begegnet werden.

© Bundeswehr

© Bundeswehr

Vizeadmiral Wolfgang E. Nolting, Inspekteur der Marine

W.R.: Es ist schon interessant, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts trotz moderner Verkehrswege die Weltmeere eine so bedeutende Rolle spielen – möglicherweise ein Stück weit vergleichbar mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts.

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© MedienHaus.Am-Finanzplatz.de

Verlagsleiter Wolfgang Rogalski

Nolting: Die ‚Globalisierung‘ hat eine ganz zentrale maritime Dimension, ungeachtet der Schienen- und Luftwege oder Autobahnen! Die See spielt als Transportweg, als Rohstofflieferant, als Nahrungsquelle sowie als Operationsbasis für Streitkräfte eine an Bedeutung stetig zunehmende Rolle. Gut 95 Prozent des weltweiten Güterfernverkehrs, 90 Prozent des europäischen Außenhandels und gar 40 Prozent des EU-Binnenhandels werden hierüber abgewickelt.
Die Arbeitsfähigkeit aller import- und exportabhängigen Unternehmen ist von der Sicherheit der Transportwege abhängig – ‚Just-in-time‘-Konzepte funktionieren nur bei gesichertem Warenfluss. Eine Unterbrechung des Transports und der ‚Lagerhaltung auf See‘ hat unmittelbare Auswirkungen auf die Produktion, den Umsatz und damit auf die Überlebensfähigkeit vieler Unternehmen; letztlich damit auch auf die Volkswirtschaft, denn in der Produktion ist heute jeder zweite deutsche Arbeitsplatz vom Export abhängig.
Deutsche Eigner unterhalten übrigens die drittgrößte Handelsflotte der Welt, bei den Containerschiffen sind wir noch die Nummer 1! Beim Spezialschiffbau sind deutsche Werften Marktführer.

W.R.: Wie ist der Wettlauf der Nationen um Rohstoff- und Energiequellen im maritimen Kontext zu bewerten?

Nolting: In der Tat, auch die Erschließung von Rohstoffen sowie die Nutzung zur Energiegewinnung rücken mehr und mehr in den Mittelpunkt des Interesses! In einigen Ländern gibt es in diesem Zusammenhang erste Überlegungen zur Ausdehnung der Exclusive Economic Zone, also des Seegebietes, das durch einen Staat im Küstenvorfeld direkt zur ausschließlich eigenen wirtschaftlichen Nutzung beansprucht wird.
Kurz gesagt: Die Meere sind unsere Lebensadern! Es gibt keine gleichwertige Alternative zum Transport über See. Die Nutzung der Meere bietet für die Zukunft gewaltige Chancen, aber sie birgt eben auch ein gewaltiges Konfliktpotenzial. Als hochentwickelte Gesellschaft nehmen wir notgedrungen an der ‚Globalisierung‘ teil, ohne uns von ihren Risiken ein Bild machen zu wollen. Wir ziehen nicht die notwendigen Konsequenzen zur Wahrung unserer vitalen nationalen Interessen!
Daher ist entscheidend, dass die Wahrung unserer Interessen auf See durch unsere Sicherheitspolitik gewährleistet wird – dabei gilt es zu verdeutlichen, dass Sicherheit und Sicherheitspolitik gesamtgesellschaftliche Themen sind. Doch mit der Sicherheit ist es leider wie mit der Gesundheit – sie wird gern kommentarlos hingenommen, solange sie nur da ist, schmerzlich dagegen vermisst und beklagt, sobald sie fehlt.

W.R.: In Sicherheitsfragen wird vielfach ja noch in überholten Kategorien des 20. Jahrhunderts, insbesondere der Phase des Kalten Kriegs gedacht. Heute hat sich die Situation doch gewandelt – gewissermaßen zurück zu den Ursprüngen. Ich sehe eine Entstaatlichung des Krieges – eine von Terroristen, Söldnern bzw. Kriminellen geführte und medientechnisch bestimmte Auseinandersetzung.

Nolting: ‚You have to be successful all the time – we only once!‘ soll ein Terrorist der nordirischen IRA die Herausforderungen dieses Jahrhunderts für die moderne Sicherheitspolitik prägnant beschrieben haben. Diese Aussage trifft auf zynische Weise den Kern der Begründung, warum eine umfassende und gezielte Sicherheitsvorsorge unumgänglich ist, denn die Bedrohung hat heute eine andere Qualität. Sie kommt mit viel weniger Mitteln aus, ist selten auf einen einzigen Punkt beschränkt und hat damit eine enorme Flexibilität und Wirkung.
Wir dagegen als Garanten der Sicherheit müssen feststellen, dass wir in Deutschland fragiler geworden sind. Ein z.B. quer in der Elbmündung versenktes Containerschiff hätte massive Auswirkungen auf ganz Deutschland; ein weiteres Schiff jeweils vor Rotterdam, Antwerpen und Bremerhaven – und Europas Außenhandel wäre massiv eingeschränkt!

W.R.: Eine alarmierende Vorstellung! Was hat diese Erkenntnis für Auswirkungen auf die Sicherheitspolitik?

Nolting: Maritime Sicherheitsvorsorge darf nicht auf die Sicherung von Seeverbindungslinien und Nutzung der natürlichen Ressourcen der See reduziert werden. Von zentraler Bedeutung sind daher Krisenprävention und Krisenbewältigung vor Ort, um überhaupt den Export von Risiken und Gefahren nach Europa zu verhindern!
In diesem Zusammenhang sind etwa humanitäre Hilfsoperationen bei  Naturkatastrophen zu nennen – wie nach dem Tsunami in Südostasien im Jahr 2004.
Eine effektive Zusammenarbeit der internationalen Partner, der Teilstreitkräfte sowie aller betroffenen Behörden und zivilen Stellen ist Voraussetzung für ein erfolgreiches Krisenmanagement. Die synergetische Nutzung ihrer einzelnen Fähigkeiten, Kompetenzen sowie der ressortübergreifende Dialog müssen Grundlage für unser Denken, Planen und Handeln sein. Einem potenziellen Gegner ist es egal, wer in dem bedrohten Bereich eine Zuständigkeit hat – im Gegenteil: Je unklarer die Zuständigkeit desto besser für den Aufbau einer Bedrohung!

W.R.: Ihr Schlusswort an unsere Leser?

Nolting: Ich wage die Prognose, dass die gegenwärtigen Herausforderungen für unsere Marine – sowohl für Personal als auch Material – weiterhin anhalten und gegebenenfalls noch zunehmen werden. Wir benötigen zukünftig Material, dass in seiner qualitativen Beschaffenheit den Ansprüchen verlängerter Einsatzperioden bei gleichzeitiger Intensivnutzung gerecht wird.
Ich wünsche mir, dass Politik, Wirtschaft und die Gesellschaft insgesamt die Rolle der Deutschen Marine als eine wesentliche Garantin des Friedens und der Freiheit, als Bewahrerin der Werschöpfungsfähigkeit und des Wohlstands in Deutschland auch im Alltag anerkennen – und ihr die Ausrüstung und Mittel zur Verfügung stellen, die sie zur effektiven und effizienten Erfüllung ihrer Aufgabe benötigt!

Weitere Informationen zum Thema:

Bundeswehr
Inspekteur der Marine / Vizeadmiral Wolfgang E. Nolting

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