20. November 2009

Disharmonie der gesellschaftlichen Belohnungssysteme schafft Konflikte

Die Antworten auf die Frage, wer durch wen womit wofür belohnt wird, brauchen konstruktive Perspektiven

Mit den Mangergehältern könne etwas nicht stimmen – oder die Idee der Äquivalenz von Arbeitsleistung und Lohn gelte nur bei niedrigen Löhnen. Denn eine einfache Rechnung zeige, dass dann bei den gängigen Vergütungen und Berücksichtigung einer längeren Arbeitszeit die Arbeitsintensität eines Mangers um das fast 200-Fache höher liegen müsste als die eines normalen Arbeitnehmers, schrieb der Cottbuser Philosoph Klaus Kornwachs in seinem “edition-unseld”-Essay auf SPIEGEL ONLINE am 19.11.2009:
Wie stehe es um Altruismus, ohne den eine Gesellschaft nicht stabil bleiben könne? Es sei eine alltägliche gesellschaftliche und ökonomische Erfahrung, dass ohne Vorleistung an Vertrauen und Kooperation nichts gehe – also gehe es nicht nur um Geld und Lohn, sondern um Anreiz- und Belohnungssysteme, die in den unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft im Laufe der Zeit entwickelt worden seien und die im großen Ganzen offenbar nicht so richtig funktionierten. Ein Belohnungssystem bringe die Antworten auf die Frage “Wer wird durch wen womit wofür belohnt?” in eine Beziehung zueinander.
Nun kämen sich unterschiedliche Belohnungssysteme, die in ihren jeweiligen eigenen Bereichen vielleicht ganz gut funktionierten, gegenseitig ins Gehege. Wenn Politik die Wissenschaft zu usurpieren versuche, diese ihre zum Teil dann falsch verstandenen Maßstäbe in die Medien transportiere, Bildung zur Ausbildung herunterökonomisiert werde, Wissenschaft von “Klasse auf Masse” getrimmt werde, die Wirtschaft nur noch von rechtlichen Vorgaben und die Technikentwicklung allein von der Laune finanzieller Investoren abhängig würden – dann hätten wir das Gefühl, dass da etwas falsch laufe.
Seien die Anreize falsch, laufe das Verhalten der Menschen in falsche Richtungen. Belohnungen wie Macht, Unabhängigkeit, Erkenntnis, Anerkennung, Ehre, Status usw. erhielten wir durch Andere. Wir belohnten uns aber auch selbst – dazu gehörten Rache und viele andere Arten von Selbstgefühlen bis hin zum Genuss von Schönheit.
Versuchten wir den Gedanken ernstzunehmen, dass man an den Belohnungssystemen etwas neu justieren könnte, dann beginne man am besten mit der Selbstbeobachtung und dem Abschied von der liebgewonnenen Vorstellung, Belohnungen hätten etwas mit Kompensation oder Tausch zu tun. Nachdem man sein eigenes Belohnungssystem analysiert habe, könnte man in einem weiteren Schritt versuchen, die Belohnungssysteme der Anderen zu verstehen, und sich klarmachen, wofür der andere womit von wem belohnt werde. Man werde nie ganz verhindern können, dass sich die Subsysteme gegenseitig in die Quere kämen. Wir müssten deshalb die Zeithorizonte unserer Belohnungssysteme zu verlängern versuchen. Damit verringere man deren gegenseitigen Konfliktmöglichkeiten, und jene hätten eher die Chance, vernünftig zu konvergieren, als sich gegenseitig zu usurpieren. Wie man bei der Gestaltung solcher Zeithorizonte jedenfalls nicht vorgehen sollte, dafür gebe es ein anschauliches Beispiel. Belohne man einen Marathonläufer dafür, dass er nach dem ersten Kilometer in Führung liege, laufe er viel zu schnell los und teile seine Kräfte falsch ein – er würde sich übernehmen und sein eigentliches Ziel nach 42 km nicht mehr erreichen. Man könnte es das “Marathon-Prinzip” nennen – wer erfolgreicher Langstreckenläufer sein wolle, sollte nicht wie ein Kurzstreckenläufer loslaufen. Mit dieser Einsicht könnte sich die eine oder andere Schieflage beheben lassen, unter denen unsere Belohnungssysteme litten.

Quelle: SPIEGEL ONLINE, 19.11.2009
Originalartikel unter: Psychologie / Die Krux der Belohnungssysteme

Weitere Informationen zum Thema:

Magazin.Am-Finanzplatz.de, 08.11.2009
Ex-DDR-Spitzenbanker Edgar Most fühlt sich heute an die DDR erinnert / Das System sei krank – die Finanzkrise nur ein Teil einer Systemkrise

Magazin.Am-Finanzplatz.de, 29.10.2009
Auch der Kapitalismus braucht ein Ordnungsprinzip – das der Klugheit / 13 Thesen des Jesuitenpaters Christoph Wrembek

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1 Kommentar »

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