Absturz, Stagnation und langsame Erholung dreimal in Folge
Norbert Walter, Chefökonom der Deutschen Bank, beschreibe die aktuelle Konjunkturentwicklung mit einem “Triple U”. Bei einem “U” gehe es mit der Wirtschaft erst abwärts, dann stagniere sie eine Weile und erhole sich erst später. Insgesamt werde sich dieser Konjunkturzyklus genau dreimal in Folge wiederholen, so Walter in einem Interview mit FOCUS-MONEY-Redakteur Andreas Haslauer, erschienen auf FOCUS ONLINE am 27.10.2009:
Das erste “U” hätten wir bereits hinter uns gelassen, nicht aber die Rezession! Das erste “U” habe unmittelbar nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers begonnen, die fast zu einem Zusammenbruch des gesamten Weltfinanzsystems geführt hätte. Die Auftragseingänge und die Industrieproduktion stiegen derzeit wieder, doch der Aufschwung sei trügerisch.
Das zweite “U” trete hauptsächlich in Europa und Deutschland auf. Die deutschen Unternehmen und die deutsche Politik hätten gehofft, dass die Krise nur von kurzer Dauer sein würde und steigende Arbeitslosenzahlen mit der Kurzarbeit kompensiert werden könnten. Das sei leider ein Trugschluss. Das zweite “U” komme nun zu Stande, weil die Unternehmen ihre Mannschaften verkleinern würden. Dadurch würden die Masseneinkommen deutlich kleiner, der Konsum werde einbrechen. Das werde ungefähr bis Ostern 2010 andauern.
Das dritte “U habe dann wieder internationale Klasse. Der Grund sei die Abkehr der Zentralbanken von der Nullzinspolitik und das Ende der Stimulierungspolitik der Regierungen. Die Notenbanker würden bereits im Frühsommer 2010 beginnen, die Geldmenge zu reduzieren und die Zinsen zu erhöhen. Mit diesem Schritt wollten die Währungshüter nach der expansiven Geldpolitik eine Mega-Inflation abwenden. Die Regierungen würden etwas später aufhören, der Wirtschaft unter die Arme zu greifen. Allerdings würden beide nicht verhindern können, dass die Weltwirtschaft zum dritten Mal binnen zwei Jahren Schwäche zeige.
Deutschlands Stärke müsse der Export bleiben. 80 Millionen Deutsche könnten nun mal nicht Hunderte von Airbus-Flugzeugen oder Millionen von VW-Autos kaufen. Menschen rund um den Globus verlangten nach Maschinen und Waren mit dem Gütesiegel “Made in Germany”. Aus diesem Grund werde der Außenhandel weiterhin eine tragende Säule der deutschen Wirtschaft bleiben.
Allen voran müsse die Enteignung der Mittelschicht aufhören! Die Steuern sollten daher für die Menschen, die unseren Sozialstaat jahrelang finanziert haben, gesenkt und der Grundfreibetrag erhöht werden. Langfristig müssten wir auch zur Flat Tax kommen – nur mit einem Einheitssteuersatz könne auf lange Sicht das Steuersystem vereinfacht werden.
Quelle: FOCUS MONEY ONLINE, 27.10.2009
Originalartikel unter: Norbert Walter / “Die Börsen kommen mächtig unter Druck”
Weitere Informationen zum Thema:
FOCUS MONEY ONLINE, 06.10.2009
Arbeitsmarkt / Chefökonom erwartet bitteres Jahr
FOCUS MONEY ONLINE, 02.07.2009
Chefvolkswirt Walter / “Ich bin nicht schuld”

