25. September 2009

Bei den Scientific Entrepreneurs liegt der Fokus auf dem unternehmerischen Nachwuchs

GTIV-Präsident Dirk Pinnow im Gespräch mit Dr. Dr. h.c. Norbert Szyperski über Scientific Entrepreneurship

[Magazin.am-finanzplatz.de, 25.09.2009] GTIV-Präsident Dirk Pinnow (D.P.) für das Magazin am Finanzplatz Deutschland im Gespräch mit Prof. Dr. Dr. h.c. Norbert Szyperski von der “Betriebswirtschaftlichen Forschungsgruppe Innovative Technologien” der Universität zu Köln über “Scientific Entrepreneurship”:

D.P.: Herr Professor, beim Begriff ,Entrepreneurship’ denke ich in erster Linie an innovative Dienstleistungsprojekte. Diese sind sicher beispielgebend – gleichwohl kommen mir Zweifel, ob eben Dienstleistungen allein ausreichend Wertschöpfungspotenzial haben, um eine hochkomplexe Volkswirtschaft wie die unsere im 21. Jahrhundert voranzubringen. Mag auch die im 19. Jahrhundert geprägte traditionelle Industriegesellschaft weitgehend Geschichte sein, so braucht doch die im Werden befindliche Informations- bzw. Wissensgesellschaft eben auch gerade Wissenschaft.
,Wissenschaft’ und ,Entrepreneurship’ – welche Zusammenhänge sehen Sie?

Szyperski: In der ,Wissensgesellschaft’ werden zwangsläufig jene Gruppen an gesellschaftlicher Bedeutung gewinnen, die das Wissen schaffen. Aufgabe der sogenannten ,Scientific Entrepreneurs’ ist ganz klar die Bereitstellung zukunftsfähiger Konzepte und Strukturen für die Wissenschaft und ihre Einrichtungen.
Zudem schaffen sie auch wichtige Voraussetzungen, damit relevante Forschungsergebnisse in praktisches Handeln in Wirtschaft und Gesellschaft umgesetzt werden können.

D.P.: Das klingt sehr überzeugend und zukunftsweisend – aber ist es in der Praxis bis dahin nicht noch ein beschwerlicher Weg?

Szyperski: Sicherlich – diese besonderen Talente und Fähigkeiten müssen entdeckt und gefördert werden!
Hierzu gibt es nun seit mehr als einem Jahrzehnt Bundes- und Länderprogramme, die von staatlicher Seite Unterstützung gewähren und von öffentlich-privaten und rein privaten Initiativen flankiert werden – hierzu nenne ich nur die Stichworte Businessplan-Wettbewerbe sowie Business Angels.

Dcp Photo in Bei den Scientific Entrepreneurs liegt der Fokus auf dem unternehmerischen Nachwuchs

© PINNOW & Partner

GTIV-Präsident Dirk Pinnow erfragt im Gespräch mit Prof. Dr. Dr. h.c. Norbert Szyperski die Zusammenhänge zwischen Wissenschaft und Entrepreneurship

D.P.: Der Verein, dem ich vorzustehen die Ehre habe, die Gesellschaft für Transfer immateriellen Vermögens, hat sich insbesondere dem Erhalt und der Weitergabe von unternehmerischem Wissen am Standort Deutschland verschrieben – wir setzen uns für bereichs- und generationsübergreifenden Wissenstransfer ein, um Wertschöpfungspotenziale im Lande zu halten und zu wecken. Wo gilt es Ihrer Meinung nach, solche Potenziale bevorzugt zu pflegen?

Szyperski: Nun, ganz klar muss bei den ,Scientific Entrepreneurs’ der Fokus auf dem unternehmerischen Nachwuchs liegen – ein originäres Anliegen einer hochdynamischen und hochtechnisierten Wirtschaft; das gilt in Zeiten zunehmender Globalisierung noch in besonderer Weise. In diesem Fall kann diese Aufgabe auch nur im engen Zusammenwirken mit der Wirtschaft und ihren Organisationen erfolgen – ja, es ist gar eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe!

D.P.: Gut, das ist jetzt der edle Anspruch in der Theorie – doch wie sieht es praktisch aus, Herr Professor?

Szyperski: Einschlägige Studien, wie z.B. der Global Entrepreneurship Monitor (GEM) attestieren Deutschland im internationalen Vergleich Spitzenplätze im Bereich entsprechender Förderstrukturen, aber sie decken gleichwohl auf, dass bei der tatsächlichen Realisierung von Gründungen erhebliche Defizite festzustellen sind.

D.P.: Dann stellt sich doch die Frage, ob die vorhandenen Strukturen die richtigen Förderungen anbieten und die richtigen Zielgruppen adressieren, um die in den unterschiedlichen Gruppen bestehenden Gründungshemmnisse zu überwinden?

Szyperski: Ja! Zudem stellt sich die Frage nach Kooperation und Koordination der einzelnen Initiativen, steht doch u.a. die auf Bundesebene gewünschte Breitenwirkung von Maßnahmen dem eher regional verwurzelten und mit persönlichen Sympathien behafteten privatwirtschaftlichen Engagement gegenüber.

D.P.: Ihr konkreter Rat dazu?

Szyperski: Wir benötigen dringend einen Fördergipfel zu Abstimmung der einzelnen Förderaktivitäten auf Bundes-, Landes-, kommunaler und privater Ebene!
Zudem sollten konkrete Vorschläge für Wirtschaft und Politik erarbeitet werden, um die zukünftige Ausrichtung von Förderprogrammen und entsprechende Kooperationen von Privatwirtschaft und Ministerien aktiv mitzugestalten. Hier sollte ein stärkeres privatwirtschaftliches Engagement eine staatliche Förderung ergänzen.

D.P.: Im Kontext der gut drei Millionen Unternehmen in Deutschland, von denen ja rund 99,7 Prozent dem Mittelstand zugerechnet werden, interessieren mich schon paar Zahlen, was Gründungsvorhaben betrifft!

Szyperski: Es liegt leider eine zu geringe Transparenz hinsichtlich regionaler Gründungspotenziale oder anderer relevanter Kennzahlen bezüglich erfolgreicher Gründungsvorhaben vor. Es mangelt schlicht an adäquaten Statistiken! Somit gibt es auch kaum brauchbare Informationen über erfolgreiche deutsche Unternehmen bzw. erfolgreiche deutsche Gründerpersönlichkeiten.

D.P.: Stichwort ,Vorbildfunktion’ für den Nachwuchs – ich finde es empörend, dass wir zwar auf den Gebieten Musik und Sport der Jugend wirkliche oder auch nur vermeintliche Vorbilder anbieten, es aber Vergleichbares für unternehmerisches Handeln, für verantwortungsvolle Selbständigkeit gar nicht gibt!

Szyperski in Bei den Scientific Entrepreneurs liegt der Fokus auf dem unternehmerischen Nachwuchs

© Norbert Szyperski

Prof. Dr. Dr. h.c. Norbert Szyperski begründete im Frühjahr 2003
die “SYLTER RUNDE – individuelle Gesprächskreise” auf der Nordseeinsel Sylt.

Szyperski: Genau deshalb sollten ,Lebensbäume’ herausragender Unternehmen und Unternehmerpersönlichkeiten mit Vorbildcharakter erstellt werden, die im Sinne der Beschreibung eines ,Entrepreneurial Life Cycle’ motivierend auf Gründer und angehende Unternehmer wirken. Hierzu könnten die bestehenden ,Entrepreneurship’-Lehrstühle über Seminar- und Diplomarbeiten Vorleistungen erbringen, die in gemeinsamen Veröffentlichungen münden sollten. Ferner wäre eine stärkere Einbeziehung von Alumni-Netzwerken der Hochschulen in die Außendarstellung wünschenswert. So könnten beispielsweise renommierte und erfolgreiche Ausgründungen aus Hochschulen über ein Siegel ihre Herkunft offen legen.

D.P.: Lieber Herr Professor Szyperski, die Hausaufgaben sind also verteilt – ran ans Werk, möchte man da nur rufen! Und natürlich auch viel Erfolg wünschen. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Weitere Informationen zum Thema:

Prof. Dr. Dr. h.c. Norbert Szyperski

“SYLTER RUNDE – individuelle Gesprächskreise”

Gesellschaft für Transfer Immateriellen Vermögens e.V.
(GTIV)
Wertschätzung der Wertschöpfung durch Wissen schafft Wohlstand!

2 Kommentare »

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