11. Oktober 2011

Banken-Crash? Ja bitte!

Chefredakteur Dirk Pinnow im Gespräch mit Jörg Gastmann

[Magazin.Am-Finanzplatz.de, 10.10.2011] In einer Zeit extremer, sich täglich zuspitzender Bedrohung ganzer Volkswirtschaften, in der sich angesichts einer weltumspannenden Wirtschafts-, Währungs- und Systemkrise „Rettungspakete“ und „Rettungsschirme“ exorbitanten, noch kommende Generationen belastenden Ausmaßes abwechseln – ohne auch nur ein systemimmanentes Problem lösen zu können – plädiert Jörg Gastmann für einen Banken-Crash. Gastmann ist u.a. Spiritus rector des Bandbreitenmodells und Autor des Buches „Die Geldlawine“. Dirk Pinnow (D.P.) sprach mit Gastmann über den Hintergrund seiner harschen Forderung:

D.P.: Herr Gastmann, derweil die Regierenden immer neue Geldmengen in Aussicht stellen, Banken um jeden Preis ,rekapitalisiert‘ werden sollen, mutet Ihre Forderung nach einem Banken-Crash in einigen Ohren sicher sehr verstörend an…

Gastmann: Nun, ich finde aktuell das Verhalten von Vertretern aus Politik und Wirtschaft verstörend! Jene Politiker, ,Experten‘ und auch Massenmedien, die hinsichtlich der damaligen Krise der Lehman Brothers und der sich anschließenden ,Sozialhilfe für Banken‘ bemängelten, dass sich danach nichts geändert hätte, haben selbst nichts dazu gelernt. Die Vertreter des Establishments propagieren nun das ,Ende der Welt‘ – wenn die Banken nicht erneut ,Sozialhilfe‘-Billionen erhielten. Das kann man auch anders sehen!

D.P.: Unter dem Titel Bankenrettung soll Finanzcrash verhindern schreibt jüngst der SPIEGEL, dass die Rettungsaktion nötig sei, um eine ,fatale Kettenreaktion‘ zu verhindern. Ein Crash des Finanzsystems könnte ganze Volkswirtschaften in den Abgrund stürzen – auch Deutschland…

Gastmann: Ist das so? Was geschieht, wenn all diejenigen unter den Banken, die auf Kosten der Allgemeinheit Profite machen, ihre Verluste eben nicht mehr der Allgemeinheit in Rechnung stellen könnten? Gäbe es wirklich Massenkonkurse?

D.P.: Was geschähe denn Ihrer Meinung nach bei einem Banken-Crash?

Gastmann: 2.093 Bankgesellschaften in Deutschland betreiben 40.276 Bankfilialen und 60.012 Geldautomaten. Was würde geschehen, wenn einige, die meisten oder sogar alle Banken Insolvenz anmelden müssten?
Bei einem Konkurs sind die von einer Bank verwalteten Gelder keine Konkursmasse, weil sie ihr überhaupt nicht gehören. Die 4.933 Milliarden Euro Geldvermögen gehören den Privat- und Geschäftskunden – und bleiben auch bei einem Konkurs des Verwalters deren Eigentum. Zur Sicherung des Kundeneigentums bedarf es also nicht einmal des Einlagensicherungsfonds.
Bei Bankkonkursen geschieht das Gleiche wie bei Konkursen in anderen Branchen: Die Marktanteile von Unternehmen, die aus dem Markt ausscheiden, gehen an die Konkurrenz über – in diesem Fall an diejenigen Banken, die ihr Geschäft verantwortungsvoll betreiben.

D.P.: Wie hätte man sich ganz praktisch die Konkursverwaltung vorzustellen?

Gastmann: Die Konkursverwalter würden – wie bei allen Unternehmen, die man sanieren kann – das alte Management ersetzen und den Geschäftsbetrieb weiterführen. Im Falle eines totalen Banken-Crashs bietet sich zudem der Politik die Möglichkeit, den Bankensektor endlich den Bedürfnissen der Bürger anzupassen, das heißt, sie auf ihre wirklich systemrelevanten Funktionen zu beschränken: Die Verwaltung von Konten, die Abwicklung des Zahlungsverkehrs sowie die Versorgung mit Bargeld und Krediten. Punkt!
Würden alle Banken tatsächlich Insolvenz anmelden, wäre es ausreichend, eine einzige Bankengruppe weiter zu betreiben, nämlich die ohnehin in öffentlicher Hand befindliche Sparkassengruppe, die statt heute 35 Prozent künftig eben einen einen Marktanteil von 100 Prozent hätte. Aber dazu wird es nicht kommen, weil höchstwahrscheinlich nur zwei vollkommen überflüssige Banken abgewickelt werden…

D.P.: Sie sprechen selbst von ,Systemrelevanz‘ – haben Sie diesen Begriff nicht mal als ,Propaganda‘ bezeichnet?

Gastmann: Ja, schon, aber man muss halt den Begriff sehr genau definieren! Keine einzige Bank ist per se systemrelevant, sondern nur die Gesamtheit aller Banken Und die ist nicht gefährdet, weil selbst bei einem Kollaps von 2.000 Banken noch genug andere übrig blieben. Die Sparkassen bleiben in jedem Fall bestehen, um das zu tun, wozu Banken eigentlich da sind: Konten und Depots verwalten, den Zahlungsverkehr abzuwickeln und Bürger in der Größenordnung von 1.317 Milliarden Euro sowie Unternehmen in der Größenordnung von 1.022 Milliarden Euro mit Krediten zu versorgen. Letzteres funktioniert heute übrigens kaum – ein Grund mehr, im Bankenbereich einmal richtig aufzuräumen!

Foto: privat

Foto: privat

Jörg Gastmann fragt: „Cui bono?“

D.P.: Sie wollen tatsächlich ,Tabula rasa‘ im Bankensektor?

Gastmann: Nun mal sachte – tatsächlich sind doch nur drei deutsche Banken nennenswert betroffen… Wie die ,Bürgerstimme‘ am 9. Juni 2011 unter dem Titel Die Wahrheiten über die Griechenland-Euro-Krise berichtete, führen lediglich die KfW und die beiden überflüssigsten deutschen Banken – die Hypo Real Estate und die WestLB – in größerem Umfang griechische Anleihen in ihren Büchern. Für die staatliche KfW wäre der Verlust leicht verkraftbar, und bei Hypo Real Estate und WestLB kann ohnehin kein Fachkundiger erklären, warum man diese ,Bad Banks‘ nicht längst beerdigt hat.

D.P.: Was aber, wenn – sagen wir – auch die Deutsche Bank betroffen wäre?

Gastmann: Klare Ansage: Eine Welt ohne Deutsche Bank ist vorstellbar! Selbst wenn diese auch bankrott ginge – eine Welt ohne Deutsche-Bank ist nicht nur vorstellbar, sondern aufgrund des Ausfalls eines Großspekulanten eine bessere Welt. Wie sagte die Staatsanwaltschaft Los Angeles über die Deutsche Bank, die finanzschwache Bewohner widerrechtlich aus ihren Häusern werfen lässt: Die Deutsche Bank sei nicht das einzige Kreditinstitut, das gegen das Gesetz verstoße. Sie sei aber der schlimmste und am wenigsten zugängliche Übeltäter

D.P.: Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen der Banken- und der Staatsschuldenkrise?

Gastmann: Hanno Beck, Wirtschaftsprofessor an der Hochschule Pforzheim, wird im SPIEGEL mit einer Aussage zitiert, die leider nicht journalistisch hinterfragt wird. Gemäß Prof. Beck sei ,die Bankenrettung die einzige Chance, die Staatsschuldenkrise zu lösen‘.
Aber das ist vollkommen falsch und zeigt, dass viele Wirtschaftsprofessoren nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems sind! Um ein Problem zu lösen, muss man dessen Ursache beseitigen. Die Ursache der Staatsschuldenkrise liegt in zu niedrigen Einnahmen fast aller Staatshaushalte der Welt. Nicht nur in Griechenland, sondern in fast alle Ländern der Welt inkl. Deutschland werden die Steuersysteme von der Wirtschaft umgangen – mit Rückendeckung der Regierungsparteien.

D.P.: Irgendwie kommt mir jetzt Brechts berühmtes Zitat zum Thema Banken und Kriminalität in den Sinn…

Gastmann: Durchaus: ,Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?‘ – erkannte Bertolt Brecht in der ,Dreigroschenoper‘. Wie moderner Bankraub – also Raub durch Banken – funktioniert, zeigen aktuell die Franzosen, die bei der neuesten Rettungsfondskreation EFSF sofort zugunsten ihrer Banken in die Kasse greifen wollten. Das war sogar für die Bundesregierung zu dreist.

D.P.: Sie haben offenbar keine hohe Meinung von den Regierungen?

Gastmann: Also, warum erklären Regierungen und deren Helfer entgegen allen Fakten die Banken-,Sozialhilfe‘ als ,alternativlos‘?
Dazu muss man sich doch fragen: ,Cui bono? – Wer profitiert?‘
Folgen wir doch dem Weg des Geldes: Das Geld der Steuerzahler fließt an die Griechen. Die Griechen zahlen davon Kredite an ausländische Banken zurück und haben anschließend noch höhere Schulden. Die Banken schütten die Gewinne aus dem Staatsanleihen-Investment, dessen Risiko ja der Steuerzahler übernommen hat, an ihre Aktionäre aus. Wer sind diese Aktionäre? Wer sponsert offen und vor allem verdeckt die Regierungsparteien? Die finanzielle Oberschicht, siehe hierzu z.B das Interview Wer die Fäden zieht und Wer sind die Gläubiger des Schuldenstaates mit Hans Jürgen Krysmanski.

D.P.: Sind Bankenrettungen also nichts anderes als ,Sozialmissbrauch‘ durch die finanzielle Oberschicht im gigantischen Stil, frei von Moral und Scham?

Gastmann: So sehe ich es. Lassen wir es also krachen! Lassen wir es doch mal so richtig krachen! Sehen wir zu, wie Spekulanten Milliarden verlieren! Sehen wir zu, wie Bankaktionäre Vorstände feuern, die ihr Geld verspekuliert haben. Sehen wir zu, wie die Seuche der Spekulation einen Dämpfer erhält!

D.P.: Aber leider wird es wohl einen solchen Crash nicht geben…

Gastmann: Wahrscheinlich nur eine Blamage für der ,Diener des Großkapitals‘, die uns mit unbegründeten Weltuntergangsängsten manipulieren.
Schließen wir doch mit einem weiteren Brecht-Zitat: ,Wer a sagt, der muss nicht b sagen. Er kann auch erkennen, dass a falsch war.‘

Weitere Informationen zum Thema:

Das Bandbreitenmodell
Einfach nur die Perspektive wechseln…

TELEPOLIS, 27.01.2011
Eine Partei zur Entmachtung der Parteien / Peter Mühlbauer / Interview mit Jörg Gastmann, dem Bundesvorsitzenden der ddp

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